Open Space und Barcamp – ist das eigentlich das Gleiche?

Für Menschen, die es eilig haben: nein. Da mir die Frage öfter gestellt wird, schreibe ich hier die Unterschiede der beiden Formate mal zusammen. Die Inhalte zu Barcamps stammen teilweise aus dem lernOS Barcamp Leitfaden (Buchtipp: Barcamps & Co.: Peer to Peer-Methoden für Fortbildungen), die zu Open Spaces aus dem Artikel A Brief User’s Guide to Open Space Technology (Buchtipp: Open Space Technology: A User’s Guide) von Harrison Owen.

Format: Barcamp

Ursprung des Formats Barcamp ist das Foo Camp, das im August 2003 mit ungefähr 200 Teilnehmer_innen stattfand. Ausgangspunkt für die Veranstaltung war eine Witzelei zwischen Verleger Tim O’Reilly und Sara Winge (damals VP Corporate Communications), die auf einer der O’Reilly Konferenzen mit der „foo bar“ eine offene Bar für die Freunde des Verlags (FOO = Friends Of O’Reilly) organisieren wollte. Da nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Verlag viele Räume leer leer standen, konnte die Idee des Foo Camps mit einer foo bar in die Tat umgesetzt werden.

Das erste BarCamp entstand als eine öffentliche Alternative zum Foo Camp. Es  fand vom 19.-21.08.2005 bei Socialtext in Palo Alto mit 200 Teilnehmer_innen statt und wurde in weniger als einer Woche organisiert. Von dort aus hat sich das Barcamp-Format schnell weltweit verbreitet.

Kernelemente eines klassischen Barcamps:

  • Teilnahme: Offene Einladung zur Teilnahme an eine große Zielgruppe (z.B. offen im Internet oder alle Mitglieder einer Organisation). Typisch Gruppengröße sind 50-300 Personen.
  • Thema: die Themen in einem klassischen Barcamp sind völlig frei wählbar, es gibt kein vorgegebenes Thema. Als Variante gibt es sog. Themen-Barcamps, die der Veranstaltung ein Thema als Rahmen setzen.
  • Dauer: ein Barcamp dauert i.d.R. 1-2 Tage, es ist nur der Rahmen vorgegeben, die Inhalte bestimmen die Teilnehmer_innen
  • Raum: benötigt wird ein großer Raum für alle Teilnehmer_innen und Einzelräume (oft Breakouts genannt) für die Sessions
  • Regeln: ein kleines Set an Regeln hilft bei der Orientierung (ursprüngliche Barcamp Regeln, mittlerweile gibt es viele Variationen, z.B. die 10 goldenen Regeln für ein gutes Barcamp)
  • Ablauf: nach der Eröffnung des Barcamps stellen sich in einer Vorstellungsrunde alle mit Namen und drei Hashtags (Schlagworte) vor, um potentielle Beziehungen sichtbar zu machen. Danach können alle Vorschläge für Sessions einbringen („pitchen“). Besteht Interesse an der Session wird der Vorschlag in den Sessionplan aufgenommen. Dieser besteht mehreren Spalten (Räume) und Zeilen (Sessionrunden hintereinander). Typisch sind 5-10 Räume parallel und 4-5 Sessionrunden hintereinander. Eine Session dauert 45 Minuten, der Sessioninhalt liegt in der Verantwortung des „Session Owners“. Vorträge in Sessions sind eher unüblich, meist gibt es kurze Impulse mit Diskussion oder eine Fragestellung mit einer Gesprächsrunde (s.a. Formate für Barcamp-Sessions).
  • Dokumentation: die Session Owner werden angehalten, sich um eine Dokumentation ihrer Session zu kümmern. Zentral bereitgestellte Dokumentation gibt es nicht.

Format: Open Space

Aus dem Wikipedia-Artikel Open Space: Die Open Space Technology wurde in den USA von Harrison Owen um 1985 entwickelt und ist inzwischen weltweit verbreitet. Seiner Erzählung nach habe er 1983 ein Jahr lang einen Kongress für 250 Organisations­entwickler vorbereitet und durchgeführt. Am Ende der Konferenz kamen alle Beteiligten einhellig zu dem Schluss, dass der „wirklich nützliche Teil“ des im Übrigen gelungenen Treffens in den Kaffeepausen bestanden habe.

Diese „Coffee-break“ Anekdote ist bis heute prägend für das Selbstverständnis von Open Space. Im Versuch, diese Erkenntnis zu systematisieren, um Grundmechanismen von Meetings zu ergründen, erinnerte sich Owen an ein alle vier Jahre stattfindendes Initiationsfest in Balamah, Nigeria: „Soweit ich es beurteilen konnte, gab es nichts, das in irgendeiner Weise mit einem Planungskomitee zu vergleichen gewesen wäre, weder während der Feierlichkeiten noch davor. Trotzdem gelang es den 500 Dorfbewohnern, diese viertägige Veranstaltung auf höchst geordnete, zufriedenstellende und, wie ich sagen muß, höchst vergnügliche Weise zu organisieren. Wie war das möglich?“

Nach Owen sind die wesentlichen Bedingungen für Open Space: 1.) Ein echtes „Business Issue“, das den Menschen wirklich am Herzen liegt. 2.) Viel Komplexität 3.) Ein hohes Maß an Vielfalt in Bezug auf Meinungen, Berufe, ethnische Zugehörigkeit – oder wie auch immer Vielfalt sonst gemessen werden kann. 4.) Ein hohes Maß an Leidenschaft und Konflikt. 5.) Ein echtes Gefühl der Dringlichkeit.

Kernelemente eines klassischen Open Space:

  • Teilnahme: die Teilnahme am Open Space muss freiwillig sein. Typische Gruppengröße ist 20-2000 Personen
  • Thema: Die Erstellung eines aussagekräftigen Themas ist von entscheidender Bedeutung, da es der zentrale Mechanismus für die Fokussierung der Diskussion und die Anregung zur Teilnahme sein wird. Das Thema darf jedoch keine langatmige, trockene Aufzählung von Zielen und Vorgaben sein. Es muss die Eigenschaft haben, die Teilnahme zu inspirieren, indem es spezifisch genug ist, um die Richtung anzugeben, und gleichzeitig genügend Offenheit besitzt, um der Vorstellungskraft der Gruppe freien Lauf zu lassen.
  • Dauer: 1-3 Tage
  • Raum: benötigt wird ein großer Raum für alle Teilnehmer_innen und Einzelräume (oft Breakouts genannt) für die Sessions
  • Regeln: bei einem Open Space gibt es vier Prinzipien und ein Gesetz: Die Prinzipien: 1.) Wer auch immer kommt, es sind die richtigen Leute 2.) Was auch immer passiert, ist das Einzige, was hätte passieren können 3.) Wann immer es beginnt, ist der richtige Zeitpunkt 4.) Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Das eine Gesetz ist das Gesetz der zwei Füße: jeder geht im Open Space an die Stelle, an der er/sie am meisten zum Thema beitragen kann.
  • Ablauf: ähnlich dem Barcamp gibt es beim Open Space eine Eröffnung mit Vorstellungsrunde (Name und kurz die eigene Geschichte), eine Agendaplanung, den Open Space und den gemeinsamen Abschluss. Beim Abschluss werden „commitments“ und nächste Schritte bekannt gegeben und über Beobachtungen im Prozess gesprochen. Bei mehrtägigen Open Space gibt es am Morgen noch zusätzlich die „Morning Announcements“ und Abends die „Eventing News“.
  • Dokumentation: in der „report-out session“ wird gemeinsam ein formaler Abschlussbericht des Open Space verfasst. Jeder Gruppen-Organisator ist für die Dokumentation des Ergebnisses seiner Gruppe verantwortlich. Der Abschlussbericht wird direkt ausgedruckt und/oder an alle Teilnehmende verteilt.

Zusammenfassung

Die räumlichen Anforderungen und die Gruppengrößen sind bei Open Spaces und Barcamps fast gleich. In der Zielstellung und den Ablauf unterscheiden sich die beiden Formate jedoch deutlich:

Beim Open Space steht ein zu lösendes Problem oder eine zu beantwortende Fragestellung im Mittelpunkt. Gruppen von Personen arbeiten so lange an diesen Teilproblemen/-fragen, bis dieses gelöst oder beantwortet sind. Eine 45-Minuten-Taktung wie bei einem Barcamp gibt es nicht. Die Ergebnisse der einzelnen Gruppen wird am Ende in Abschlussbericht zusammen mit nächsten Schritten zusammengestellt und veröffentlicht.

Ein Barcamp hat entweder gar kein Thema oder es gibt ein Thema, das aber nur einen schwachen Rahmen vorgibt. Die Barcamp Sessions dauern immer 45 Minuten, länger an einem Thema arbeitende Gruppen gibt es nicht. Im Abschluss des Barcamps wird meist nur allgemeines Feedback geteilt, eine gemeinsame Dokumentation oder die Vereinbarung von nächsten Schritten gibt es nicht.

So erkläre ich immer den Unterschied zwischen den beiden Formaten in ihrer klassischen Form. Welche Erfahrungen habt ihr gemacht. Schreibt gerne eure Perspektive dazu unten in die Kommentare.

9 Kommentare
  1. Hans Gärtner
    Hans Gärtner sagte:

    Ich habe beide Formen erlebt, Open Spaces selbst organisiert, an anderen teilgenommen und an Barcamps teilgenommen: Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist meiner Erfahrung nach das wichtigste, was in den einzelnen Sessions passiert, und da hängt die „ Experience“ sehr von den Beträgen sowie der Dynamik ab, die in diesen Spaces entsteht. Hier unterscheiden sich die Formate kaum. Ich denke, dass in diesen konkreten Gesprächsrunden keiner darauf achtet, ob er jetzt gerade in einem Open Space Setting ist (wo man vorher auf entprechenden Regeln hingewiesen wurde) oder in einem Barcamp Setting ist. Networking ist in beiden Formaten möglich und auch da hängt die Qualität des Erlebens mehr von konkreten Begegnungen ab als vom Design eines Formates. Das gilt m.E. für alle offenen Formate. (Ich erinnere mich noch an einige Barcamps vor vielen Jahren, wo sich IT-ler auf der platten Wiese mit Picknique und Drinks getroffen haben. Das war seinerzeit ein wesentlich unterschiedliches Format zu dem, was wir zur gleichen Zeit im Organisationskontext für Unternehmen durchgeführt haben :-) Da war es wichtig, traditionellen Organisationen offenere Begegnungsformate schmackhaft zu machen, in denen die Organisationsspitze nicht mehr alles kontrollieren konnte, was einigen Sorge bereitete….). Kämpfen wir weiter für offene Formate mit gelungenen Dialogen, egal wie sie heißen.

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  2. Simon Dückert
    Simon Dückert sagte:

    Barcamp hat ja durchaus auch Regeln (siehe die „Rules of Barcamp“ oder die „10 goldenen Barcamp-Regeln“) und die meisten Moderator_innen verwenden einen bunten Mix aus Open Space und Barcamp Regeln in ihrer Moderation.

    Antworten
  3. Matthias Binder
    Matthias Binder sagte:

    Danke, Simon für diese eingängige Differenzierung der beiden Formate.
    Ich habe kürzlich auf LinkedIn einen Post gesehen, der meinte, das heutzutage viel zu viel als Barcamp bezeichnet wird, was gar keines ist. Was ist denn deine Meinung dazu? Wann darf ein Barcamp Barcamp heißen? Was ist z. B. mit Events, die nur einen Teil, z. B. nachmittags im Barcampstil organisieren? Was ist mit Events, die nur einen halben Tag lang sind? … Bin gespannt auf deine Einschätzung.

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    • Simon Dückert
      Simon Dückert sagte:

      Die Beobachtung teile ich, es gibt Formate, die versuchen, sich mit dem Begriff „Barcamp“ einen moderneren Anstrich zu geben. Aus meiner Sicht gehört zu einem Barcamp zwingend:

      – Offene Einladung (kann intern oder extern sein)
      – Selbstorganisierte Programmgestaltung durch Session-Pitches (kann synchron vor Ort oder asynchron vorab geschehen), kein „Programmkomittee“, das in das Programm eingreift.
      – Sessionplan mit parallelen Sessions und mehreren Sessionrunden hintereinander. Typische Zeit ist 45-minütige Session mit 15-30 Minuten Wechselpause.

      So wie reine Konferenzen oft nicht zu einer Zielgruppe passen, passt auch das reine Barcamp-Format nicht auf alle Anlässe. Deswegen haben sich schon sehr früh hybride Formate, also Mischformen entwickelt.

      Ob man ein hybrides Format dann noch Barcamp nennt, hängt in meinen Augen vom Mischungsverhältnis ab. Vier Sessionrunden mit vorangestellten Impulsvortrag kann man sicher noch Barcamp nennen. Hat man aber vier Runden Konferenzenprogramm und macht in der letzten Stunde noch Barcamp-Sessions würde ich das eher „Konferenz mit interaktiven Elementen“ nennen.

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  4. Thore Sturm
    Thore Sturm sagte:

    Nachdem ich gerade in Masterplan den Begriff „Open Space“ das erste Mal gehört habe und direkt an ein Barcamp denken musste, hat mich die Google-Suche nach den Unterschieden gleich auf Deine Seite gelotst.
    Super Erklärung, jetzt ist es klar. Danke Simon!

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  5. Anne Schreiber
    Anne Schreiber sagte:

    Hallo Simon, danke für diese tolle Erläuterung und Differenzierung der beiden Formate, die mir hilft zu überlegen, welches Format aus dem Organisationsentwicklungsgedanken heraus gerade für welche Fragestellung passend ist. Es erscheint mir sinnvoller, ein Open Space zu nutzen, wenn ich Menschen in der Bewältigung einer konkreten Herausforderung zusammenbringen und die Vernetzung und Kooperation dabei fördern will. Also ganz gezielt die vorhandene Vielfalt nutzen auf ein Ziel/Ergebnis hin (Symbol >).
    Ein Barcamp bietet sich an, um neue Impulse reinzubringen und eine breitere Öffnung und stärkere Vernetzung in der Organisation abseits bestehender Strukturen zu unterstützen. Also eher Vielfalt zu ermöglichen und sichtbar zu machen. (Symbol <)
    Siehst du das auch so?

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    • Simon Dückert
      Simon Dückert sagte:

      Klingt plausibel. Bei Barcamps würde ich noch das sichtbarmachen, verteilen und vernetzen von bereits bestehendem Wissen hinweisen. Beim Open Space geht es eher darum, neues Wissen zu generieren.

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Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Daran anschließend könnte man ergänzen, dass beim Open Space der Fokus mehr auf dem Thema, beim BarCamp mehr auf dem Netzwerken liegt. Open Spaces sind deshalb häufig singuläre Ereignisse, BarCamps eher regelmäßige Treffen einer Community. Simon Dückert, Cogneon/ Blog, 17. Juli 2021 […]

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