Wissenstreppe 2.0

Auf der KnowTouch werden wir einen Rückblick auf 20 Jahre Wissensmanagement wagen und gemeinsam einen Weg in die Zukunft skizzieren. Dazu gehört auch, die etablierten Wissensmanagement-Modelle vor dem Hintergrund der Praxiserfahrungen zu betrachten und ggf. anzupassen. Denn nach wie vor startet Wissensmanagement in vielen Organisationen mit studentischen Arbeiten, Google-Suchen und den dabei gefunden Modellen. Die Fundstücke begleiten die jeweiligen Organisationen dann Jahre oder Jahrzehnte und prägen die Sicht auf Wissensmanagement.

Zu den in der Praxis häufig verwendeten Modellen gehören nach meiner Erfahrung das TOM-Modell (Technik, Organisation, Mensch, s.a. Trainingsbuch Wissensmanagement, S. 34) von Bullinger et. al. (1997), die DIKW-Pyramide (data, information, knowledge, wisdom) von Russell Ackoff (1989) bzw. deren deutschsparchige Entsprechung die Wissenstreppe von Klaus North (1998), die Bausteine des Wissensmanagements von Gilbert Probst et. al. (1996) sowie die Wissensspirale (oft auch SECI-Modell genannt) von Nonaka und Takeuchi (1995). Bei fortgeschrittenen Anwendern ist oft zusätzlich das Cynefin-Framework von Dave Snowden (2007) im Einsatz. In einer kleinen Blog-Reihe werde ich die Modelle mal an den Herausforderungen in der Praxis spiegeln und angepasste Versionen als Weiterentwicklungen vorschlagen.

Gedanken aus der Praxis zu einer Wissenstreppe 2.0:

  1. Umfang: mit den 12 Treppenstufen, den unterliegenden Ergänzungen sowie den beiden oben- und untenliegenden Pfeilen hat das Modell recht viele Elemente. Eine Anpassung mit weniger Elementen wäre für einfache Merkfähigkeit wünschenswert (z.B. Millersche Zahl: 7 +/- 2). Die Treppenstufe “Zeichen” spielt z.B. in der Praxis kaum eine Rolle und könnte ohne Verlust weggelassen werden.
  2. Mensch: im Wissensmanagement steht der Mensch als Wissensträger zwangsläufig im Mittelpunkt, da Wissen immer an Menschen gebunden ist. Die meisten Modelle legen das aber visuell selten nahe. Versieht man die Treppenstufen “Wissen” mit dem Mensch als Wissensträger, so könnte man beispielsweise die Treppenstufen “Können” und “Handeln” entfernen und als Eigenschaften des Menschen beschreiben. Mit Punkt 1. wäre der Idealwert von 5 Treppenstufen erreicht.
  3. Kausalität: wie Prof. Capurro schon im Podcast M2P009 Knowledge Leadership richtig angemerkt hat, sind die kausalen Übergänge Daten/Informationen und Informationen/Wissen höchstens für Erstsemester geeignet. In vielen Fällen führt das zu einer sehr Daten-/IT-fokussierten Sichtweise auf Wissensmanagement. Auf der KM World 2012 gab es gar einen Beitrag mit dem Titel “The DIKW Pyramid must die!”. Trotzdem ist der Dreiklang Daten-Informationen-Wissen in der Praxis recht verbreitet und erzeugt intuitives Verständnis. Daten wird dabei meist mit strukturierten Daten (z.B. Datenbanken), Informationen mit Informationsobjekten (z.B. E-Mail, Dokument) gleichgesetzt. In einem neuen Modell könnten daher “Daten” und “Informationen” zumindest nur durch gestrichelte Linien angebunden werden.
  4. Strategisch vs. operativ: in der Praxis wird Wissensmanagement nach wie vor oft mit operativem Informationsmanagement gleichgesetzt, das Unwort der Wissensdatenbank ist noch nicht gebannt. Und so wird bei der Wissenstreppe auch mehr die Treppe an sich (vorzugsweise das untere Ende) und nicht die beiden Pfeile oben und unten betrachtet. Diese beiden Pfeile sollten hervorgehoben und mit “Strategisches Wissensmanagement” und “Operatives Wissensmanagement” (statt “Daten-, Informations- und Wissensmanagement (operativ)”) bezeichnet werden. So wäre zusätzlich eine elegante Brücke zum verbreiteten St. Galler Management-Modell (Normatives Management, Strategisches Management, Operatives Management) möglich.
  5. Kernkompetenz: die Treppenstufe “Kompetenz” ist in der Praxis problematisch. Die Definition von Kompetenz ist in den Organisationen meist sehr unscharf, z.B. “Können” (redundant zur entsprechenden Treppenstufe, außerdem synonym zu prozeduralem Wissen bzw. know how) oder “Dürfen” (Entscheidungsbefugnis liegt innerhalb/außerhalb der Kompetenz einer Person). Gerade für die Hinführung zur “Wettbewerbsfähigkeit” wäre eine Brücke zu den Kernkompetenzen der Organisation nach Prahalad und Hamel (1990) sinnvoll. Das würde gleichzeitig eine Brücke zu Management 2.0 (2007, s.a. Buch The Future of Management) dem Management-Ansatz für das 21. Jahrhundert von Hamel ermöglichen (s.a. Video Reinventing The Technology of Human Accomplishment). Außerdem hat das Wissensmanagement Forum Graz in seinem Wissensmanagement-Praxishandbuch (S. 10) eine schöne Brücke zwischen Wissensträgern, Wissensdomänen und Kernkompetenzen gebaut.

Und so könnte aus meiner Sicht eine neue Variante der Wissenstreppe aussehen:


Feedback und Gedanken in den Kommentaren sehr willkommen!

    Autor: Simon Dückert

    Berater, Coach und Geschäftsführer bei Cogneon

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