Atoms colliding - The smart thought connection on the emerging young KnowledgeHub (Source: Leif Edvinsson)

Interview mit Menerva-Schirmherr Prof. Leif Edvinsson

Leif Edvinsson ist Schirmherr der des Menera-Programms und der Charta der Wissensrepublik. Einen Tag vor dem Kick-off des Menerva-Programms habe ich ihn angerufen und ihm meine Fragen gestellt. Hier ist das Gespräch, gekürzt und leicht geglättet, in seinen Worten.

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Simon: Du hast zugesagt, Schirmherr der Charta der Wissensrepublik im Gründungsjahr zu sein. Was hat dich dazu bewogen?

Leif: Ich erinnere mich zuerst daran, wie wir in einem Café saßen, ich glaube in Hongkong, vielleicht war es auch Singapur. Wir sprachen über den Online-Wissensaustausch, und du warst darin ein echter Pionier. Ich bin sehr beeindruckt, dir nahe zu sein, und deshalb halte ich das für eine großartige Gelegenheit.

Simon: Als du die sieben Grundsätze gelesen hast: Was hat dich am meisten angesprochen, und würdest du etwas anders formulieren oder ergänzen?

Leif: Ich möchte die Fragen verstärken, die „Quizzics“, wie ich es nenne: die Kunst und Wissenschaft des Fragens. Entwickelt hat das Professor Stevan Dedijer in Ragusa. Es wurde für die Entwicklung der Gesellschaft genutzt, für die Politik und für die Wirtschaft. Ragusa war, wie du dich vielleicht erinnerst, für diesen Teil des Mittelmeers die Wissensgesellschaft, und sie war extrem erfolgreich. Man verzichtete auf die Finanzierung eines Heeres und ersetzte sie durch Wissenshandel. Wenn man heute an die Kriege denkt, die gerade geführt werden, war das eine frühe Pionierleistung dafür, wie es sich entwickeln könnte.

Deshalb schlage ich vor, das zu den Grundsätzen hinzuzufügen. Einer der Grundsätze könnte sein, nach faszinierenden Quizzics zu suchen. Grundsätze sind meist normativ. Was ihr habt, ist beides: normative Möglichkeiten und Fragen, die den Geist zum Funkeln bringen.

Simon: Mit dem Skandia Navigator hast du in den Neunzigerjahren immaterielle Werte sichtbar gemacht. Was hat dich diese Erfahrung gelehrt, das für Wissensmanagement heute noch zählt?

Leif: Eines ist die Artikulation und Verfeinerung des Aha, das aus der Frage entsteht. Man wird überrascht, sagt „aha“, öffnet den Mund, schluckt, sagt noch einmal „ah“, und dann hat man etwas gelernt. Die zweite Dimension: Wir haben inzwischen Kennzahlen für Immaterielles entwickelt, und das ist in Arbeit, in der Europäischen Kommission, beim IASB (International Accounting Standards Board) und in der Wirtschaft. Wir verbessern damit nach und nach die Landkarte der Wertschöpfung auf der Welt.

Simon: Du sprichst oft von einer „Happy Future“. Wie sieht eine glückliche Zukunft der Wissensrepublik 2036 für dich konkret aus?

Leif: Wahrscheinlich: Frieden statt Kampf und Krieg. Und eine Happy Future hat mit den Endorphinen im Kopf zu tun. Wenn man auf dem richtigen Weg ist, genießt man es und lächelt, und dieses Lächeln beruht auf den Endorphinen im Kopf.

Simon: Demokratien geraten unter Druck, es gibt viele autoritäre Entwicklungen und Kriege. Was kann unsere Community dazu beitragen?

Leif: Ihr könnt Einfluss auf die Journalisten nehmen, denn das Bild, das sie zeichnen, ist leicht verzerrt. Ein großer Teil der Welt ist nicht im Blick, und die Herausforderung ist, auch von dort zu berichten. Journalisten leben vom Drama und erzählen immer das Drama, nie den guten Teil der Geschichte. Es gibt aber zum Beispiel Kotka in Finnland, ein brillantes Beispiel, genauso die Aalto-Universität und Singapur. Es gibt eine ganze Reihe sehr guter und interessanter lernender Gesellschaften.

Simon: Bis 2036 gehen die Babyboomer in den Ruhestand. Was sollten wir tun, damit ihre Erfahrung und Weisheit nicht verloren gehen, sondern weitergegeben werden?

Leif: Es geht darum, die Weisheit zu verfeinern und zu kultivieren, nicht darum, sie aufzubewahren. Weisheit kann wie alte Tomaten und alte Bananen sein. Wir müssen etwas mit ihr tun, bevor es zu spät ist, und das passiert bereits. Vieles in der IT-Branche, was sich gerade positiv entwickelt, tun zu einem großen Teil die Jüngeren. In den Lebenswissenschaften ist das anders, dort braucht man die alte Erfahrung. Es geht um den generationenübergreifenden Wissensaustausch, wie du ihn mit deinen Kindern hast, aber auch mit den kommenden Generationen.

Simon: Künstliche Intelligenz verändert, wie wir Wissen erzeugen, teilen und nutzen. Welche Chancen siehst du, und was bereitet dir am meisten Sorge?

Leif: Die künstliche Intelligenz erhöht den Datenfluss. Das ist wie beim Licht: Man bekommt immer mehr Lichtsignale, aber man braucht eine Linse, um sie zusammenzubringen. Dann kann man damit arbeiten. Mit dem Datenfluss ist es genauso. Künstliche Intelligenz sind unkoordinierte Datenströme, und man muss darin navigieren. Dafür braucht man gute Managementsysteme für KI. Sie liefern, wie ich es aufgeschrieben habe, ein gutes Fernsehbild: Die Bildpunkte werden zu einem guten Bild zusammengefügt.

Die Informationsflut war schon in den Neunzigern ein Thema, heute ist es noch mehr. Deshalb braucht man einen Filter und auch eine Art neues Rechnungswesen, das diesen Fluss greift und in ein gutes Bild bringt. Sonst kann man ihn nicht vermitteln. Der Navigator ist eine Linse für die Navigation.

Simon: Was möchtest du allen mitgeben, die überlegen, die Charta der Wissensrepublik zu unterzeichnen, als Person oder als Organisation?

Leif: Kümmert euch um euer Beziehungskapital. Das ist wahrscheinlich die wichtigste Währung der Zukunft. Es sind die Beziehungen zur Familie, zu den Kindern, zu den Kunden, zu den Lehrern und so weiter. Das ist eine extrem immaterielle Dimension, wir haben dafür noch keine guten Kennzahlen. Deshalb sehen wir die unglücklichen Kämpfe in der Ukraine und anderswo: Wir pflegen die Beziehungen zwischen den Menschen nicht und arbeiten nicht an ihnen.


Ich möchte an dieser Stelle Leif nochmal ausdrücklich dafür danken, dass er die Schirmherrschaft für das Menerva-Programm übernommen hat und dass ich in den letzten Jahrzehnten so viel von ihm lernen durfte. Danke 🧡

Simon Dückert

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