Livestreaming von Vorträgen – Ein Beispiel

Heute war ich bei einer Akademie für genossenschaftliche Organisationen, um dort im Rahmen einer zweitägigen Veranstaltung einen der Vorträge live zu streamen. Im Folgenden ein Überblick und ein kurzer Erfahrungsbericht zum Projekt.

Die wichtigste zu klärende Frage im Vorfeld ist immer die der Konnektivität vor Ort. Für einen HD-Livestream benötigt man ca. 2,5 MBit Bandbreite im Upstream. Die Netzanbindung sollte über Kabel und nicht über WLAN erfolgen. Idealerweise ist man mit dem Videostream nicht im Gastnetz der Teilnehmer, sondern in einem separaten Netz mit garantierter Bandbreite. Mit Diensten wie dem DSL Speedtest kann man sich einen Überblick über die vorhandene Bandbreite verschaffen. In Fall in Montabaur sah die Messung schonmal sehr positiv aus:

montabaur-bandbreite

Da ich mit dem Zug am Vortag für Aufbau und Test angereist bin, habe ich mich aus unserem Media Lab für ein sehr leichtgewichtiges Setup entschieden:

  • Kamera: Canon XA25 mit Speisemöglichkeit für externe Audioquellen über XLR. Zusätzlich habe ich die Zoom-Fernbedienung mitgenommen, um den Zoom am Stativgriff bequem einstellen zu können.
  • Stativ: Manfrotto 290 xtra mit Carbon-Füßen (Gewicht) und einem Manfrotto Fluid-Videokopf 509 HD für flüssige Schwenks.
  • Streaming: Matrox Monarch HD, das über ein HDMI-Kabel (Mini-HDMI auf HDMI) das Audio- und Video-Signal bekommt und über einen LAN-Anschluss an den Videostreaming-Dienst (in unserem Fall YouTube Live) überträgt.
  • Audio-Backup: für den Fall, dass man den Ton nicht aus der Mikrofonanlage der Akademie vor Ort bekommt, hatte ich eine Sennheiser EW100 G3 Funkstrecke dabei (musste sie aber glücklicherweise nicht einsetzen).
  • Kabel: 20 Meter Netzwerkkabel Cat6, 10m Verlängerungskabel Strom, Mehrfachsteckdose 4 x Strom und 2 x USB, 30 Meter Audiokabel XLR-XLR.
  • Erste-Hilfe-Koffer: ein Zipper Bag mit Adaptern, Werkzeug, Klebeband, Batterien etc.

So sah der Aufbau nach ca. 30 Minuten Aufbauzeit dann aus:

streaming-aufbau

Als kleine Checkliste für die Veranstalter (und alle, die so etwas auch mal machen wollen) hier die wichtigsten Schritte des Aufbaus:

  1. Geigneten Ort für den Kameraaufbau finden. Darauf achten, dass Redner in der Standard-Position nicht vor den Folien stehen (Kamera diagonal zum Redner). Kameraposition sollte so hoch sein, dass Publikum i.d.R. nicht im Bild ist (Stichwort: Recht am eigenen Bild). Außerdem sollte die Kamera außerhalb der Laufwege platziert sein, damit das Publikum nicht aus versehen dagegen stößt.
  2. Beamer- oder Fernsehfrequenz testen. Videokameras (in Europa) nehmen meist mit 25 Hz Frequenz (=25 Bilder pro Sekunde) auf. Manche Beamer oder Fernseher projezieren mit anderen Bildwiederholraten, z.B. 60 Hz bei Beamer. Das führt dazu, dass das aufgenommene Beamerbild flackert. Einfachste Abhilfe in dem Fall ist, den Beamer auf 50 Hz umzustellen.
  3. Beleuchtung testen und einstellen. In vielen Veranstaltungslokation gibt es keine separate Bühnenbeleuchtung, sondern nur Deckenlicht. Das führt dazu, dass projezierte Folien und Redner von der Helligkeit sehr unterschiedlich sind. Ist in der Kamera die automatische Belichtung aktiviert, führt das meist dazu, dass das helle Beamer-Bild dominiert und sich die Kamera danach ausrichtet. In der Folge erscheint der Sprecher dann zu dunkel (“absaufen”). Optimiert mann die Helligkeit auf den Redner, ist das Beamer-Bild so hell, dass kein Kontrast mehr vorhanden und die Folien nicht lesbar sind (“ausbrennen”). In meinem Fall habe ich versucht, die Belichtung über eine Spanne von 2,5 Stufen manuell nachzuführen.
  4. Tonsignal in die Kamera einspeisen. In meinem Fall hat die Kamera einen Audioeingang über XLR-Kabel. Die Techniker vor Ort konnten mir aus der Mikrofonanlage ein langes Cinch-Kabel mit dem gemischten Tonsignal (Redner-Mikro, Moderatoren-Mikro, Publikums-Mikro) bereitstellen. Mit einem Cinch-XLR-Adapter ging das dann in die Kamera. Wichtig: alle Mikrofone sollten gleich laut sein. Am besten auch die Redner und in der Moderation darauf hinweisen, dass der Abstand Mikrofon-Mund idealerweise immer gleich sein sollte.
  5. Streaming-Device anschließen und testen. Der Matrox Monarch HD verfügt nur über einen LAN Zugang. Die Techniker vor Ort konnten mir am Kamera-Ort ein LAN-Kabel zur Verfügung stellen. Für die Verbindung musste die MAC-Adresse des Matrox in der Netzwerkumgebung freigeschaltet weden (der Matrox kann nicht über Netze, die Login/Passwort benötigen, verbunden werden!). Das hat problemlos geklappt, ein Knopfdruck und der Livestream war im YouTube-Kanal der Organisation zu sehen.

Soweit mein Bericht. Falls jemand dieses kleine Rezept verwendet oder andere Ansätze hat, bin ich auf weitere Tipps und Erfahrungen per Kommentar gespannt.

Meine Sicht auf Arbeiten 4.0

In den letzten sieben Tagen habe ich am Arbeit 4.0 MOOC teilgenommen, der von Anja Wagner und Kolleg*innen auf der Plattform mooin durchgeführt wurde. Vielleicht ist „teilgenommen“ sogar etwas übertrieben, da ich täglich aufgrund von Projekten und Terminen nicht so viel Zeit wie eigentlich nötig investieren konnte und der Kurs eher nebenher lief. Der MOOC hatte jeden Tag ein neues Thema: Arbeitsorganisation, Arbeitskultur, Abbau von Hierarchien, Bildung, Networking, Mensch-Maschine-Interaktion und Creative Thinking.

Für jeden Tag gab es Früh, Mittag und Nachmittag ein Video sowie meist zusätzlich Langfassungen von Interviews mit Einzelpersonen. Da sich die Laufzeit der ersten drei Videos meist schon auf eine knappe halbe Stunde summierte, bin ich meist zu den ausführlichen Interviews nicht gekommen. Ich habe versucht, zumindest Früh- und Mittagsvideo  anzusehen. Von den Nachmittagsvideos habe ich fünf von sieben geschafft. Darüber hinaus gab es nämlich zusätzlich die Diskussion in den mooin-Foren, Dialog auf Twitter (Hashtag #a40mooc) sowie Austausch in einer offenen, selbstorganisierten Lerngruppe auf Slack. Hier als Beispiel die Auswertung der Beiträge und Kommentare in den Foren (Stand: 19.4., 18:10 Uhr):

a40mooc-forenaktivität

Nun zum Inhalt: der MOOC startete direkt in die Einzelthemen, einen Überblick zu Arbeit 4.0 mit Definition und Kontext gab es nicht. Das war auch der Punkt, mit dem ich im Kurs am meisten gerungen habe. Denn neben den o.g. Themen wurde zusätzlich intensiv über autonomes Fahren, kalifornischen Kapitalismus, Drohnen, Smart Home, Ambient Assisted Living, Bedingungsloses Grundeinkommen, Big Data, Genossenschaften, Design Thinking sowie Wegfall von Arbeitsplätzen gesprochen. Bis jetzt hat sich daraus für mich kein rundes Bild ergeben, was unter “Arbeit 4.0” denn nun zu verstehen sei. Gemeinsamer Nenner war meiner Meinung nach, dass es sich um die Arbeit der Zukunft handelt, von der man noch nicht genau weiß, wie sie sein wird.

Das ist aber vielleicht auch nicht verwunderlich, denn nachdem das Bundeswirtschaftsministerium in der Kommunikation begonnen hatte, nicht mehr von cyber-physischen Systemen, sondern von Industrie 4.0 zu sprechen, machte sich die “4.0” in verschiedenen Bereichen kommunikativ breit. Ein Beispiel ist die Studie Arbeitswelten 4.0 des Fraunhofer Instituts für Arbeitsorganisation. In dieser frühen Publikation war die Arbeit 4.0 noch stark an das „Arbeiten in der Industrie 4.0“ angelehnt.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) startete 2015 einen Dialog zu Arbeit 4.0, um den Begriff für sich zu klären. Ohne Details zu nennen geht das BMAS davon aus, dass die Arbeit der Zukunft vernetzt, digital und flexibel sein wird. Es weist explizit darauf hin, dass Arbeit 4.0 nicht nur die industrielle Arbeit, sondern die gesamte Arbeitswelt betrifft. Zur Begriffsklärung wurde ein Grünbuch Arbeiten 4.0 erstellt und ein Dialogprozess angestoßen. Das Grünbuch soll bis Ende 2016 in ein Weißbuch überführt werden. Arbeitsministerin Nahles hat auf der Halbzeitkonferenz zum Dialog Arbeiten 4.0 Zwischenbilanz gezogen.

Auch Akteure wie beispielsweise die IG Metal haben den Begriff Arbeit 4.0 aufgegriffen. IG Metall Vorsitzender Detlef Wetzel hat dazu beispielsweise ein Buch mit dem Titel Arbeit 4.0 – Was Beschäftigte und Unternehmen verändern müssen veröffentlicht. Herr Wetzel hat dazu eine Reise durch die Wissensrepublik gemacht und seine Eindrücke im Buch verdichtet.

Doch wie sehe ich Arbeit 4.0 nach diesem MOOC? Wir arbeiten zwar hauptsächlich mit Industrie-Unternehmen, haben aber bisher den Hype-Begriff 4.0 vermieden. Stattdessen haben wir, wenn nötig, die “2.0” nach Tim O’Reillys Web 2.0 oder Gary Hamels Management 2.0 im Sinne von „… für das 21. Jahrhundert“ verwendet. Daher hatte ich für mich bisher noch keine eigene Definition erstellt. Nach aktuellem Stand würde ich Arbeit 4.0 wie folgt definieren:

Arbeit 4.0 ist die digitale, vernetzte und flexible Zusammenarbeit in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrunderts.

Die Wissensgesellschaft schließt dabei die Systeme Wirtschaft (Industrie, Dienstleistungen, Selbstständige, Handel etc.), Wissenschaft (Hochschulen, Forschungseinrichtungen etc.) und Zivilgesellschaft (NGOs, Citizen Science etc.) mit ein. Die drei Eigenschaften bedeuten dabei für mich im Einzelnen:

  • Vernetzt: die bisherigen Silos der Zusammenarbeit werden über bestehende Grenzen hinweg vernetzt. Das gilt innerhalb von Organisationen z.B. über die bestehenden Grenzen von Abteilungen hinweg, aber auch über die Grenzen der Organisation hinaus (z.B. Netzwerke, Cluster, Open Innovation). Diese übergreifende Vernetzung steckt ja bereits in der Enterprise-2.0-Definition von Prof. Andrew McAfee.
  • Digital: was sich digitalisieren lässt wird digital werden. Damit einher gehen Entmaterialisierung und Ortsungebundenheit. Jedes Individuum und jede Organisation sollte für sich kritisch prüfen, welche Chancen (z.B. neue, digitale Produkte und Geschäftsmodelle) und Risiken (z.B. Outsourcing, neue Wettbewerber) sich aus dem Megatrend Digitalisierung ergeben.
  • Flexibel: nicht mehr das starre Festhalten an Regeln (Compliance), sondern das agile Reagieren auf sich ändernde Rahmenbedingungen ist erfolgskritisch. Hierbei kann die Reflektion der eigenen Arbeit am Agile Manifesto bei einer Bestimmung des Ist-Stands helfen. Schon die griechische Philosophie sagte „Ich weiß, dass ich nicht weiß“, die Halbwertszeit von Wissen wird nur durch den globalen Wissenstransfer stetig kürzer.

An dieser Stelle möchte ich auch allen Organisatorinnen und Teilnehmerinnen des MOOCs für ihre tolle Leistung danken. Seit unserem Management 2.0 MOOC weiß ich gut, wie viel Arbeit in so einem Projekt steckt.

So, das ist mein persönliches Fazit. Was ist Ihres/Eures?

Präsenzlernen und digitales Lernen kombinieren

Vergangenen Freitag war ich von der Akademie für Führungskräfte in Überlingen am Bodensee gebucht, um auf deren jährlichen Trainertag einen Vortrag zur Bedeutung von Lernen im 21. Jahrhundert zu halten und am Nachmittag zwei Hands-On-Workshops zum gleichen Thema abzubieten.

Im Vortrag war mir wichtig zu aufzuzeigen, dass es beim Lernen der Zukunft um viel mehr geht, als nur bisherige Lernprozesse zu digitalisieren oder den Fokus von der Vermittlung von Faktenwissen auf das Aneignen von Kompetenzen (aka prozedurales Wissen) zu erweitern.

Meiner Meinung nach geht es darum, Wissen und Lernen als Kernkompetenz für dieses Jahrhundert zu begreifen. Jede Aktivität der Organisation – operativ und strategisch – muss ein Anlass zum Lernen werden. Jeder Quadratmeter der Organisation – physisch und virtuell – muss als Lernort verstanden und entwickelt werden. Erst dann wird echtes organisationales Lernen möglich und die Lernende Organisation von der Utopie zur gelebten Vision.

Wichtig war mir im Vortrag auch, die Rolle der Führungskräfte zu betonen. So wie viele Bildungsstudien die Chancenlosigkeit von Kindern bildungsferner Eltern zeigen, haben auch Organisationen mit Wissens- und lernfernen Führungskräften keine guten Zukunftsaussichten. Siehe dazu auch mein Kapitel Das Leitbild der digitalen Führungskraft im Buch Digital Leadership von Prof. Petry.

Meine Folien zum Vortrag (PPT-Version und MP3-Audiomitschnitt, Passwort zum Audiomitschnitt für alle Teilnehmer*innen des Events über den Veranstalter):

Bei den beiden zweistündigen Workshop-Durchläufen am Nachmittag habe ich die Teilnehmer*innen abstimmen lassen, welche Themen sie zur Vertiefung bevorzugen. Durchgesetzt haben sich die Kombination von Präsenzformaten mit digitalen Ansätzen (Teilnehmer-O-Ton: “Pimp my Learning 1.0”), innovative Lernformate (Barcamp, MOOC, Working out Loud, Communities of Practice) sowie das Modul Voice-over-Powerpoint (einfache Vertonung von Vortrags- und Trainingsfolien) aus dem adidas Media Lab Training.

  
Im Lauf der zwei Workshops habe ich mir einige Links notiert, die ich hier noch bereitstellen möchte (falls was fehlt, einfach unten per Kommentar nachfragen):

  • Corporate Learning Camp – Barcamp für die Corporate Learning Community (nächste Veranstaltung 13.-14. Oktober 2016 in Frankfurt)
  • Knowledge Jam – Beispiel für das Hybrid-Format aus Konferenz und Barcamp, das die Cogneon Akademie seit 2005 anbietet (nächste Veranstaltung zum Thema Working Out Loud am 2. Juni 2016 in Nürnberg)
  • sendegate.de – Community-Plattform der deutschsprachigen Podcasting Communit
  • Subscribe 7 – Kombination aus Konferenz und Barcamp für die Sendegate-Community (nächste Veranstaltung 4.-6. Mai in Berlin)
  • Media Lab – Übersicht Ausrüstung, Software und Apps, die in adidas Media Lab und Cogneon Media Lab zum Einsatz kommen
  • Twitter 101 – nachdem sehr viele Workshop-Teilnehmer*innen noch nicht auf Twitter sind, ein kleiner Beitrag zum Einstieg ;-)

Vielen Dank an der Stelle auch nochmal an Simone Schönle und Dr. Simon Beck, stellvertretend für das gesamte Akademie-Team, sowie alle Mitstreiter*innen im Programm, u.a. Steffi Krügl (openBIT), Thor van Horn (Quantum Kunst), die Video-Profis von blink.it und den zweiten Referenten Thomas Tillmann (abc tillmann).

Neu: Mein kuratierter Podcast-Feed

Podcasts sind für mich das ideale Werkzeug des informellen Lernens. Hat man die richtigen Podcasts abonniert, bekommt man regelmäßig Wissen auf die Ohren. Und das nicht unbedingt am Schreibtisch, sondern dort, wo man selten mit Texten oder Videos lernen kann: im Auto, in der Bahn, im Flieger und im Nahverkehr.

  

Doch der Einstieg ins Podcast-Hören gestaltet sich ähnlich schwierig wie bei Twitter. Es braucht eine eigene App, ein Portfolio an Podcasts muss ausgewählt und abonniert werden.

Für die grundlegenden ersten Schritte haben wir im Wiki eine Podcast 101 für Hörer*innen bereitgestellt und Tipps für empfehlenswerte Podcasts gegeben. Doch gerade die Auswahl der ersten Podcast-Feeds ist herausfordernd. Immerhin sind alleine bei iTunes über 4.000 deutschsprachige und über 100.000 englischsprachige Podcasts verzeichnet.

Deswegen biete ich hier eine weitere Einstiegshilfe an. Der gerade gestartete Dienst fyyd (@fyyd_de) bietet die Möglichkeit, einen eigenen Feed mit Podcast-Favoriten zu kuratieren. Hier füge ich alle gehörten Episoden hinzu, die im weitesten Sinne mit Wissensmanagement und Lernenden Organisationen zu tun haben. Die ersten zehn Episoden sind bereits kuratiert.

  
Wer mag kann sich einfach diesen Feed mit den ausgewählten Podcast-Episoden abonnieren. Wie das genau geht, steht in der 101.