Meine Sicht auf Arbeiten 4.0

In den letzten sieben Tagen habe ich am Arbeit 4.0 MOOC teilgenommen, der von Anja Wagner und Kolleg*innen auf der Plattform mooin durchgeführt wurde. Vielleicht ist „teilgenommen“ sogar etwas übertrieben, da ich täglich aufgrund von Projekten und Terminen nicht so viel Zeit wie eigentlich nötig investieren konnte und der Kurs eher nebenher lief. Der MOOC hatte jeden Tag ein neues Thema: Arbeitsorganisation, Arbeitskultur, Abbau von Hierarchien, Bildung, Networking, Mensch-Maschine-Interaktion und Creative Thinking.

Für jeden Tag gab es Früh, Mittag und Nachmittag ein Video sowie meist zusätzlich Langfassungen von Interviews mit Einzelpersonen. Da sich die Laufzeit der ersten drei Videos meist schon auf eine knappe halbe Stunde summierte, bin ich meist zu den ausführlichen Interviews nicht gekommen. Ich habe versucht, zumindest Früh- und Mittagsvideo  anzusehen. Von den Nachmittagsvideos habe ich fünf von sieben geschafft. Darüber hinaus gab es nämlich zusätzlich die Diskussion in den mooin-Foren, Dialog auf Twitter (Hashtag #a40mooc) sowie Austausch in einer offenen, selbstorganisierten Lerngruppe auf Slack. Hier als Beispiel die Auswertung der Beiträge und Kommentare in den Foren (Stand: 19.4., 18:10 Uhr):

a40mooc-forenaktivität

Nun zum Inhalt: der MOOC startete direkt in die Einzelthemen, einen Überblick zu Arbeit 4.0 mit Definition und Kontext gab es nicht. Das war auch der Punkt, mit dem ich im Kurs am meisten gerungen habe. Denn neben den o.g. Themen wurde zusätzlich intensiv über autonomes Fahren, kalifornischen Kapitalismus, Drohnen, Smart Home, Ambient Assisted Living, Bedingungsloses Grundeinkommen, Big Data, Genossenschaften, Design Thinking sowie Wegfall von Arbeitsplätzen gesprochen. Bis jetzt hat sich daraus für mich kein rundes Bild ergeben, was unter “Arbeit 4.0” denn nun zu verstehen sei. Gemeinsamer Nenner war meiner Meinung nach, dass es sich um die Arbeit der Zukunft handelt, von der man noch nicht genau weiß, wie sie sein wird.

Das ist aber vielleicht auch nicht verwunderlich, denn nachdem das Bundeswirtschaftsministerium in der Kommunikation begonnen hatte, nicht mehr von cyber-physischen Systemen, sondern von Industrie 4.0 zu sprechen, machte sich die “4.0” in verschiedenen Bereichen kommunikativ breit. Ein Beispiel ist die Studie Arbeitswelten 4.0 des Fraunhofer Instituts für Arbeitsorganisation. In dieser frühen Publikation war die Arbeit 4.0 noch stark an das „Arbeiten in der Industrie 4.0“ angelehnt.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) startete 2015 einen Dialog zu Arbeit 4.0, um den Begriff für sich zu klären. Ohne Details zu nennen geht das BMAS davon aus, dass die Arbeit der Zukunft vernetzt, digital und flexibel sein wird. Es weist explizit darauf hin, dass Arbeit 4.0 nicht nur die industrielle Arbeit, sondern die gesamte Arbeitswelt betrifft. Zur Begriffsklärung wurde ein Grünbuch Arbeiten 4.0 erstellt und ein Dialogprozess angestoßen. Das Grünbuch soll bis Ende 2016 in ein Weißbuch überführt werden. Arbeitsministerin Nahles hat auf der Halbzeitkonferenz zum Dialog Arbeiten 4.0 Zwischenbilanz gezogen.

Auch Akteure wie beispielsweise die IG Metal haben den Begriff Arbeit 4.0 aufgegriffen. IG Metall Vorsitzender Detlef Wetzel hat dazu beispielsweise ein Buch mit dem Titel Arbeit 4.0 – Was Beschäftigte und Unternehmen verändern müssen veröffentlicht. Herr Wetzel hat dazu eine Reise durch die Wissensrepublik gemacht und seine Eindrücke im Buch verdichtet.

Doch wie sehe ich Arbeit 4.0 nach diesem MOOC? Wir arbeiten zwar hauptsächlich mit Industrie-Unternehmen, haben aber bisher den Hype-Begriff 4.0 vermieden. Stattdessen haben wir, wenn nötig, die “2.0” nach Tim O’Reillys Web 2.0 oder Gary Hamels Management 2.0 im Sinne von „… für das 21. Jahrhundert“ verwendet. Daher hatte ich für mich bisher noch keine eigene Definition erstellt. Nach aktuellem Stand würde ich Arbeit 4.0 wie folgt definieren:

Arbeit 4.0 ist die digitale, vernetzte und flexible Zusammenarbeit in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrunderts.

Die Wissensgesellschaft schließt dabei die Systeme Wirtschaft (Industrie, Dienstleistungen, Selbstständige, Handel etc.), Wissenschaft (Hochschulen, Forschungseinrichtungen etc.) und Zivilgesellschaft (NGOs, Citizen Science etc.) mit ein. Die drei Eigenschaften bedeuten dabei für mich im Einzelnen:

  • Vernetzt: die bisherigen Silos der Zusammenarbeit werden über bestehende Grenzen hinweg vernetzt. Das gilt innerhalb von Organisationen z.B. über die bestehenden Grenzen von Abteilungen hinweg, aber auch über die Grenzen der Organisation hinaus (z.B. Netzwerke, Cluster, Open Innovation). Diese übergreifende Vernetzung steckt ja bereits in der Enterprise-2.0-Definition von Prof. Andrew McAfee.
  • Digital: was sich digitalisieren lässt wird digital werden. Damit einher gehen Entmaterialisierung und Ortsungebundenheit. Jedes Individuum und jede Organisation sollte für sich kritisch prüfen, welche Chancen (z.B. neue, digitale Produkte und Geschäftsmodelle) und Risiken (z.B. Outsourcing, neue Wettbewerber) sich aus dem Megatrend Digitalisierung ergeben.
  • Flexibel: nicht mehr das starre Festhalten an Regeln (Compliance), sondern das agile Reagieren auf sich ändernde Rahmenbedingungen ist erfolgskritisch. Hierbei kann die Reflektion der eigenen Arbeit am Agile Manifesto bei einer Bestimmung des Ist-Stands helfen. Schon die griechische Philosophie sagte „Ich weiß, dass ich nicht weiß“, die Halbwertszeit von Wissen wird nur durch den globalen Wissenstransfer stetig kürzer.

An dieser Stelle möchte ich auch allen Organisatorinnen und Teilnehmerinnen des MOOCs für ihre tolle Leistung danken. Seit unserem Management 2.0 MOOC weiß ich gut, wie viel Arbeit in so einem Projekt steckt.

So, das ist mein persönliches Fazit. Was ist Ihres/Eures?

Autor: Simon Dückert

Berater, Coach und Geschäftsführer bei Cogneon

13 Gedanken zu „Meine Sicht auf Arbeiten 4.0“

  1. Danke Simon, toll kuratiert, lesenswert. Ich bin leider im Verzug und werde mir deine Inhalte und die von Anja aber schnellstens anschauen! Deine Erklärung zum Arbeiten 4.0 sind schlüssig, nur finde ich ihn immer noch nicht gebrauchstauglich, er suggeriert mir zu viel Software-Release-Zyklus ;-)

    1. Ja, meiner Erfahrung nach ist die 2.0 aber in der Praxis als Mitmachweb sehr gut angenommen worden und das Management-Prinzip der Partizipation halte ich für sehr wichtig. Tim O’Reilly hat bei seinen weiteren Beobachtungen übrigens nicht von “Web 3.0”, sondern von “Web Squared” (wg. exponentieller Entwicklung) gesprochen (http://www.web2summit.com/web2009/public/schedule/detail/10194). Aber wehe, es kommt jetzt einer mit “Arbeit 16.0” daher!!! :-)

  2. Vielen Dank für die gelungene Zusammenfassung und Dein persönliches Ergebnis aus dem MOOC.
    Auch ich habe weitaus weniger partizipiert als ich es mir gewünscht hatte und mich selbst dabei grösstenteils aufs neudeutsche lurken verlegt.
    Mein EIndruck aus dem Austausch: es haben viele teilgenommen, die in ihren Organisationen bereits vernetzt, digital und flexibel arbeiten, also konkret in der Phase der digitalen Transformation unterwegs sind. Und auch unter jenen war die Idee davon, wie wir arbeiten werden noch sehr difus und visionär.
    Ich persönlich stelle mir vor, dass bei Arbeit 4.0 die Grenzen zwischen Organisationen zunehmend verschwinden werden und das Zusammenarbeit produkt- bzw. projektbezogen stattfinden wird. Dafür ist jedoch die digitale Transformation Voraussetzung und es werden nur Unternehmen in einem solchen Konstrukt kollaborieren können, die diese bewältigt haben.

  3. Hallo Simon,
    danke für Deine fleißigen Berichte. Klingt als ob man als Nicht-Teilnehmer nicht viel verpasst hätte. Dein Fazit erscheint konsistent wenngleich wenig überraschend. Obwohl alles nahe liegend ist, wird es in vielen Firmen noch lange dauern bis man auch nur annähernd dort angekommen ist. Aus meiner Erfahrung heraus ist häufig das Abteilungsdenken so tief verwurzelt, dass von einer ungezwungenen Zusammenarbeit über Abteilungsgrenzen hinweg kaum die Rede sein kann. Dass man ein gemeinsames Unternehmensziel verfolgt (verfolgen sollte) tritt angesichts von Budgetverteilungskämpfen und Profilierungsdruck für die Abteilungsleiter schnell in den Hintergrund. Ich wäre daher schon froh, wenn es in den Firmen intern funktionieren würde. Über die Zusammenarbeit in der Lieferkette oder gar in Koopetition Situationen will ich mal noch gar nicht reden. Da habe ich allerdings auch wenig eigene Erfahrung.

    1. Naja, die Kultur der Zusammenarbeit hat sich in der Industriegesellschaft halt über die letzten 100 Jahre so entwickelt, wie sie heute ist. Das kann man in ein paar Jahren nicht drehen. Aber Anfangen daran zu arbeiten sollte man so früh wie möglich.

  4. Danke für die Zusammenfassung, ich werde leider auch einige Kapitel nacharbeiten müssen. Einge begriffliche Differenzierung finde ich auch wichtig. Und ich finde es problematisch, wenn man “nur” digital und vernetzt arbeitet und dann bereits von Arbeit 4.0 spricht. Das führt zu Verwirrung, da dies eigentlich dem klassischen Web 2.0 (oder Enterprise 2.0) zuzuordnen wäre. Meiner Meinung nach ist folgender Aspekt bei Arbeiten 4.0 ausschlaggebend und würde zu einer Differenzierung zu Enterprise 2.0 beitragen:
    Arbeiten 4.0 ist ein Begriff, der von Industrie 4.0 abgeleitet ist. Wesentliche Charakteristika von Industrie 4.0 sind u.a. das Internet der Dinge, Big Data und Automatisierung. Dazu gab es ja auch ein Kapitel im Arbeiten 4.0 Mooc zu Mensch-Maschine-Interaktion. Und meiner Meinung nach liegt genau hier der Unterschied zwischen Arbeiten 2.0 und Arbeiten 4.0. Bei Arbeiten 4.0 werden Lern/-Arbeitsprozesse durch o.g. Technologiekonstrukte “teil-automatisiert”. Durch Verfahren aus Bereichen der KI (Semantik/ Machine Learning/ Deep Learning) können den Nutzern qualitativ hochwertige Informationen vorgeschlagen werden. Am Beispiel unseres Problems könnte das bedeuten, dass ein “Smart Learning Environment” die Fragestellung (Was ist die Definition von Arbeiten 4.0??) erkennt und passende Inhalte dazu vorschägt wie z.B.:
    – Link zu diesem Blog
    – Link zum Arbeiten 4.0 Mooc
    – Link zu Definitonen “2.0”
    – Link zu Definitionen “4.0”
    – Hinweise auf Publikationen
    – Hinweise auf Expertennetzwerke etc.
    Ich erforsche die Gestaltung eben solcher Smart Learning Environments im Rahmen meiner Dissertation. Ein wesentlicher weiterer Aspekt ist hierbei die enge Verzahnung aus digitalen und analogen Lern-/ Arbeitsmethoden bzw. Lern-/ Arbeitsumgebungen sowie die Adaption an individuelle Lernbedürfnisse.
    Den Zusammenhang von PLE, SLE und Machine Learning habe ich hier mal angerissen: https://sirkkafreigang.wordpress.com/2016/04/08/the-personal-learning-assistant/

    Insofern finde ich, dass die Spannweite von Arbeiten 4.0 im MOOC von Anja Wagner und Kolleg/inn/en schon gut abgebildet wurde, um sich einen Überblick zum Thema zu verschaffen. Eine begriffliche Differenzierung kann ja als Resulat des Mooc´s ausgearbeitet werden ;-)

    Was ggf. noch hätte ergänzt werden können, ist der Aspekt des Datenschutzes & Datensicherheit, welcher meiner Meinung nach in Zukunft “noch” viel wichtiger werden wird, als es bereits heute schon der Fall ist. Aber dazu gibt es glaube ich sogar einen extra Mooc auf mooin??

    PS: Happy Birthday ;-)

    1. Internet der Dinge, Big Data und Automatisierung waren aber doch schon Bestandteil der Web 2.0 Definition aus 2004. Schau mal in den Beitrag “What is Web 2.0” (http://www.oreilly.com/pub/a/web2/archive/what-is-web-20.html) oder den 2009 erschienenen Beitrag “Web Squared” (http://www.web2summit.com/web2009/public/schedule/detail/10194). Da findest Du z.B. in der Meme Map die ganze Palette wie “An attitude, not a technology”, “Data as the Intel Inside”, “Perpetual Beta”, “Right to Remix”, “Decentralization”, “Emergent”, “Small Pieces Loosly Joined”, “Internet of Things”. Die Industrie hat das halt einfach erst zehn Jahre später aufgegriffen.

      P.S. Danke!

  5. Mein Vorschlag wäre von daher folgender:

    Von: Arbeit 4.0 ist die digitale, vernetzte und flexible Zusammenarbeit in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrunderts.

    Zu: Arbeit 4.0 ist die hybride, vernetzte, flexible und teilautomatisierte Zusammenarbeit in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrunderts.

    hybrid –> nicht nur “digital”, sondern die Verzahnung aus analogen und digitalen Inhalten

    1. Auch ein interessanter Ansatz. Mir sin allerdings die Wörter hybrid und teilautomatisiert nich allgemeinverständlich genug. Beides kann ja in digital (z.B. Automatisierung durch Digitalisierung) und vernetzt (z.B. vernetzte Zusammenarbeit von Mensch und Maschine) enthalten sein.

  6. Vielen Dank Simon,
    als Themenpate vom ersten Tag und (äußerst) passiver Beobachter der restlichen 6 Tage kann ich resümieren: Das Wissen um “das machen die anderen und dies sind die Themen über die diskutiert wird” ist das eine. Das intensive Mitmachen und Erleben moderner Arbeits- und Lernformen ist das andere – das Entscheidende. Gerade weil keine Definition und auch kein Kontext vorgegeben wurde, konnte sich das “wie geht Arbeit 4.0” für mich durch das Mitmachen und Erleben erst entfalten. Denn wenn Definitionen und vorgegebene Kontexte im “richtigen Arbeitsleben 4.0” flüchtig und nichtig werden, müssen konsequenterweise auch die “Bildungsangebote” zum Simulieren von Arbeit 4.0 dementsprechend sein.

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